Nachtrag zum Auftakt

Die Auftaktveranstaltung zum 6. Kulturpolitischen Bundeskongress war eine runde Sache. Die Kooperation mit dem Land Nordrhein-Westfalen hat dabei nach Kölner Art schon Tradition, wie wir von Ute Schäfer, der NRW Familien-, Kinder-, Jugend-, Sport- und Kulturministerin in der Ihrigen Vertretung  erfuhren. Ihre Ansprache brachte sie nach der musikalischen Umrahmung zu Gehör. Diese bestand aus zweifellos schöner Weltmusik eines argentinischen Perkussions und Akkordeon-Duos, dessen Bezug zum Kongress mir allerdings niemand erklären konnte.

Da brachte es die Poetry Slammerin Josefine Berkholz zum Beispiel in spoken words wesentlich eher auf den Punkt: „Wir laben uns am labilen Gelaber, zerschlagen verbale Banalblubberblasen.“ Auch ihre Fragen: „Könnt ihr noch schreien oder müsst ihr euch melden?“ sowie „Könnt ihr noch laufen oder braucht ihr ein Navi?“ regen zum nachdenken an. Die junge Generation fasst sie mit den Worten „effektiv, effizient, in Watte gewickelt“ zusammen.

Zurück zum Anfang, zur Begrüßung von Ministerin Schäfer und der viel zu verbreiteten Angst, ob man bei den Entwicklungen des Web 2.0 noch Chancen der Mitgestaltung hat oder nur noch ein Rädchen im Getriebe ist.  Nach einigen Pauschalsätzen zum Stellenwert des Bundeskongresses folgte zum Glück eine niedliche Anekdote über ihren BlackBerry, welcher häufiger unkontrolliert und natürlich immer zu unpassenden Momenten lautstark:  „Bitte sagen Sie einen Befehl“ heraus posaunt. Auch die Betrachtung des doppeldeutigen Kongresstitels netz.MACHT.kultur war durchaus interessant. Umso platter hingegen die Aussage, die Freude am haptischen Erlebnis eines Buches sei altersabhängig. Retten konnte sie dies lediglich mit ihrem Fazit: „Einen Kulturkampf können wir uns nicht erlauben. Wir müssen alle Kräfte bündeln!“

Im Fokus der Vorabendveranstaltung stand eine Podiumsdiskussion, die sich mit den Veränderungen durch technologische Entwicklungen auseinander setzte. Der einzige brauchbare Satz von der sonst ziemlich schwachen Schriftstellerin Kathrin Rögga war dabei die Antwort auf die Frage, ob das Internet und seine Folgen ein alter oder neuer Hut sei. Hier betitelte sie die Herren der 90er Jahre als „heute selbstermächtigte Profis“.

Spannender war da das Wechselspiel zwischen dem Informatik-Professor Wolfgang Coy und dem Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller. Während Coy das Netz nicht als Bibliothek sondern als riesigen Versammlungsraum begreift, der sich stätig in Bewegung befindet und damit manche transnationalen Grenzen außer Sprachbarrieren überwindet,, betont Steinmüller den eichhörnchenhaften  Sammeltrieb des DDRlers, der seine Bits lieber zu Hause speichern würde, als in Clouds. Digitales kreatives Schaffen von „Laien“ bezeichnet er als Volkskunst durch Kleinkünstler, die sich mit banal kulturellen Ambitionen im Netz tummeln würden.

Wolfgang Coy betrachtet zudem die Wahlmöglichkeiten im Netz eher als einen Zeitungskiosk anstatt als Heimatblättchen, in dem es keine Massenmedien mehr gibt. Von Fraktionsidentitäten war hier die Rede, die keinen gemeinsamen Nenner für einheitliche Diskurse mehr bilden würden. Durch die daraus resultierende geringe Steuerbarkeit, hätte es zum Beispiel eine Ethikkommission wahnsinnig schwer, etwas gesamtgesellschaftlich durchzusetzen. Als Fazit hält Coy deshalb eine ganzheitliche Bildung, die in der Persönlichkeitsbildung auf Urteilskraft und Widerstand setzt, für unabdingbar.

Und wer weiß; vielleicht löste sich nicht nur das Kollektiv im Individuum auf sondern dieses sich auch tatsächlich bald im Netz.

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