Über die Freundschaften bei Facebook

Ich gebe es zu: Außer zu Hause bei meinen Eltern gehört es nicht zu meinen Ritualen jeden Morgen die regionale Tageszeitung aufzuschlagen. Klar, um politisch auf den neusten Stand zu bleiben, schaue ich die letzte Tagesschau, bevorzugt mit meinem Frühstück am PC. Thematische Vertiefung findet ebenfalls im Netz statt. Meist auf den Internetseiten der Zeit, FAZ oder der Süddeutschen. Gerne  informiere ich mich auf mehreren gleichzeitig, lernt man doch spätestens in der Oberstufe, seine Sicht nicht zu einseitig färben zu lassen.

Nun ist es aber doch einmal passiert, dass ich meinen Blick in die Hildesheimer Allgemeine Zeitung warf. Ganz zu meinem Ärger. Dort fand ich in der Niedersächsischen Sparte den Artikel: „Einsam trotz Facebook und Co.“ Die Hauptzeile lässt bereits das Schlimmste erahnen, vor allen Dingen im Zusammenhang mit der Unterzeile „Jugend- und Familienhilfe registriert mehr Jugendliche ohne emotionale Bindung“. Fast eine halbe Seite ist der Beitrag lang. Allerdings wird mindestens die Hälfte davon von einem überdimensionalen Foto eingenommen: Ein Mädchen starrt auf einen Bildschirm, Facebook ist geöffnet. Die Bildunterschrift lautet:  „Millionen Nutzer tummeln sich bei Internet-Netzwerken wie Facebook – aber nicht immer bringen sie auch echte Freundschaften mit sich.“

Ich finde es gut, wenn auf gesellschaftliche Missstände wie die Vereinsamung von Bürgern hingewiesen wird. Was uns bewusst wird, kann verändert werden. Was aber definitiv noch nicht im Bewusstsein des Autors war, ist ein ganz entscheidendes Faktum: Aktivitäten bei Plattformen wie Facebook sind meist reelle Lebenserfahrungen, die im Internet weiter kommentiert werden. Die Freunde bei Facebook und Co. sind zum allergrößten Teil aus der Welt außerhalb des Webs bekannt. Die Vereinsamung hat also nur wenig damit zu tun, wie tiefgreifend Freundschaften aus der virtuellen Welt sind, sondern beginnt schon viel eher; Nämlich in der Familie, in der Schule, im Sportverein, auf der Parkbank… Statt leere Sätze wie: „Trotz ihrer regen Internetkontakte sind sehr viele Kinder heute einsam.“ zu  postulieren, sollte ernsthaft nach dem Ursprung des Übel gesucht werden. Für mich spielt da die Frage, warum es für einige Jugendliche anscheinend immer schwerer wird sich ein Netzwerk aufzubauen, was sie auffängt, demnach eine viel größere Rolle. Den schwarzen Kater an Internetnetzwerke zu verteilen mag zwar einfach sein, hilfreich ist es aber nicht!

Erst am Schluss gibt es doch noch einen kleinen Anreiz, regionale Tageszeitungen zukünftig nicht ausschließlich als Anzünder zu benutzen. Da stellt der Familientherapeut Reinhard Neumann endlich fest: „Die Wünsche und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen werden Momentan eher vernachlässigt.“ Das ist doch mal ein Ansatz!

6 thoughts on “Über die Freundschaften bei Facebook

  1. Millionen Eltern können nicht irren und haben im Kampf gegen die Vereinsamung ihre Kinder vor die Fernsehkiste gesetzt. Wäre Facebook nicht dazwischengekommen, gäbe es keine einsamen und unglücklichen Kinder und alle hätten ein gutes Gewissen. Nur: worüber sollte man sich dann aufregen?😉

  2. Ich saß letztens mit einer Zeitung im Zug. So eine normalgroße Zeitung, die auf einem anderen Kongress gratis auslag. Ich las sie im Zug, es saß niemand neben mir, sonst wäre kein Platz gewesen. Das kam mir sososo anachronistisch vor. Wie ein Quellenforschungsspiel. Oder wie Pfeiferauchen. Etwas, das man allein aus Stylegründen tut. Anachronistisch besonders das Konzept Kompendium. Dass jemand für einen ausgesucht hat, welche Texte man an diesem Tag lesen solle, dass es so festgelegt und eingegrenzt ist. Abgefahrenes Gefühl. Wie werdet ihr es euren Enkelkindern erklären?

    (Disclaimer: Komme aus keiner Zeitungslesefamilie. “Bildungsferne Schicht” und so.)

  3. Wenigstens ein Gutes hat es: Man wird immerhin auf Themen gestoßen, die man sonst vielleicht übersehen hätte… Aber darüber hinaus hast du Recht: Durch die Themenwahl der Medien werden wir ziemlich gut ferngesteuert. Da ist das Web in der Meinungsbildung demokratischer!

  4. beim Thema demokratische Meinungsbildung bin ich skeptisch. Wir haben zwar theoretisch die Möglichkeit, frei zu entscheiden, was wir online lesen wollen, aber in der Praxis bleibt von dieser Freiheit immer weniger übrig. Damit meine ich nicht nur die Zensur, die teilweise ausgeübt wird. Auch wir selbst tragen dazu bei, dass wir von der großen Bandbreite unterschiedlicher Meinungen und Standpunkte immer weniger mitbekommen. Die Filtermechanismen von Google, Facebook, Amazon, lastfm, etc. schränken unseren Wahrnehmungsbereich immer mehr ein und wir merken gar nicht, wie bunt das Internet eigentlich noch ist. Die Personalisierung ist zwar einerseits eine sehr hilfreiche Sache, aber Innovation fördert sie z.B. nicht.

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