Prost Privacy

Diese große Aufregung um den Zensus dieser Tage, die besonders im Internet gefeiert wird. Frei im Netz verfügbar sind Musterfragebögen, auf denen man sich anschauen kann, was genau gefragt wird. Die Fragebögen sind zweifellos eine Frechheit, das Menschenbild, das hinter diesen Fragen und der Eindeutigkeit der verlangten Antworten steht, ist reichlich veraltet; warum es relevant ist, nach dem Geschlecht zu fragen, und warum es bei dieser Frage nur genau zwei Auswahlmöglichkeiten gibt, will sich mir nicht erschließen; Islam wird offenbar mit christlichen Kirchen nicht auf einer Stufe gesehen; Fragen wie “Ist Ihre Mutter nach 1955 in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen” zeugen von einem Interesse für die Herkunft der Bürger, das keinem freiheitlichen Staat gut zu Gesicht steht; die Begrenztheit der Auswahlmöglichkeiten, welcher Haupttätigkeit man gerade nachgeht, ist geradezu putzig; und so weiter und so weiter … Davon abgesehen sind die Fragebögen allerdings eher langweilig, ich beneide die Menschen, die sie einsehen und auswerten, null, in Ziffern: 0

Ich bin von der Volkszählung persönlich nicht betroffen (ich muss nicht nach Betlehem reiten und in einem Stall übernachten), darum noch ein persönlicheres Erlebnis: Für einen kleinen Job als wissenschaftliche Hilfskraft für einen Prof im letzten Semester verlangte die Uni eine Immatrikulationsbescheinigung. Jawohl. Der Arbeitgeber “Stiftung Universität Hildesheim” will einen Beweis dafür, dass ich bei der Universität “Stiftung Universität Hildesheim” immatrikuliert bin. Ich muss auf die Uni-Site gehen, mich beim PWA (Persönlicher Web-Assistent) einloggen, sehen, dass der PWA keine Immatrikulationsbescheinigungen mehr hergibt, mich daran erinnern, dass es die jetzt im LSF (diese Abkürzung steht auf noch ungeklärten Umwegen für Elektronisches Vorlesungsverzeichnis, nicht für Lichtschutzfaktor) gibt, mich beim LSF einloggen (mit dem gleichen Benutzernamen und dem gleichen Passwort, aber ich muss mich neu einloggen), die Immatrikulationsbescheinigungen in dem unübersichtlichen (und erzhässlichen, nebenbei bemerkt) Interface finden, die richtige ausdrucken, in einen Briefumschlag stecken und dem für Personalangelegenheiten zuständigen Dezernat zukommen lassen, wo jemand vor einem Computer sitzt, den Brief aufmacht, eine unbestimmte Anzahl Klicks tätigt, um seinerseits zum richtigen Interface zu gelangen und dort (stelle ich mir vor) in irgendeinem Kästchen ein Häkchen macht: “Ja” und das bewusste Papier abheftet. Ein bit Information. Eine 1, keine 0. Schätzungsweise fünfzehn Minuten Arbeit (meine und die des anderen Menschen am Computer in der Personalabteilung), um ein bit vom LSF-Server in den Personalangelegeheiten-Server zu übertragen (und den Beleg für dieses bit abzuheften)*. Das ergibt einen Datendurchsatz von rund 0,00014 Byte pro Sekunde. 0,00014 Byte pro Sekunde, die manuell von Menschen ausgeführt werden müssen, die sich lieber mit Literatur beschäftigen würden und mehrere Semester an einer deutschen Hochschule verbracht und dafür pro Semester 500 € Studiengebühren bezahlt haben.

0,00014 B/s, das ist ein Buchstabe in zwei Stunden, Steinmetze sind schneller. Aber wenigstens kann ich mir sicher sein, dass die Uni nicht das geringste bisschen Daten über mich herausgibt, nicht mal an sich selbst.

Vor einiger Zeit stieß ich im Netz auf die post-privaten Spuren, die Christian Heller (größtenteils unter dem Namen Plomlompom) im Internet hinterließ/ hinterlässt, so viele so interessante und gleichzeitig unterhaltsame Sachen habe ich noch selten zeitlich so nah hintereinander im Internet gelesen. Ein Essay sei hier direkt verlinkt, in dem es um Datenschutz, genauer: “Die Ideologie Datenschutz” geht:

http://carta.info/24397/die-ideologie-datenschutz/

Ich empfehle durchaus, mehr als nur diesen Essay zu lesen, zum eigenen Besten und zum eigenen Vergnügen. Wer es jedoch nicht mal schafft, den einen Essay zu lesen (zum Beispiel weil man zu beschäftigt damit ist, bits einzeln per Post zu verschicken), kurz die wesentlichen Punkte, sie sind alles andere als leicht zu schlucken, weil sie der alltäglichen Propaganda zum Teil komplett zuwiderlaufen:

  • Datenschutz verteidigt (bei aller von Datenschutzbewegungen sehr laut zur Schau getragener Skepsis vor der Macht des Staates) hauptsächlich den Staat vor einem Verlust seiner Hoheitsrechte an a) die Privatwirtschaft und b) andere Staaten.
  • In letzter Instanz bedeutet Datenschutz, dem Staat Kontrollwerkzeuge zu schaffen, um den ungehinderten Fluss von Informationen zu verhindern.
  • Datenschutz statt Datenfreiheit macht die Daten der Menschen erst zu einem knappen und damit handelbaren Gut statt zum Besitz der Gemeinschaft. Verwerten lassen sich die Daten deswegen nur von den Datenhändlern und zu ihrem Nutzen, nicht zum Nutzen der Gemeinschaft, deren Daten der Gegenstand dieses Handels ist.
  • Geheimhaltung gesellschaftlich nicht tolerierter Persönlichkeitsaspekte festigt und reproduziert unterschwellig diese Intoleranz.
  • Öffentlichmachen des Privaten befördert sozialen Rückhalt in neu sich bildenden “Neigungs-Familien”.
  • Eine Gesellschaft des Vertrauens gründet sich leichter auf Transparenz.
  • Transparenz kann helfen, Machtexzesse zu verhindern.
  • Datenschutz dient der Aufrechterhaltung veralteter/ veraltender Menschenbilder.

Der letzte Punkt ist vielleicht der wichtigste, Zitat aus dem Essay:

Wer ständig all seine tatsächlichen Fehler, Widersprüche, Idiosynkrasien, Persönlichkeitsspaltungen und Inkonsequenzen broadcastet, der kann nicht mehr in eine kohärente Identität gezwungen werden. Wenn das Millionen tun, erodiert das zugrundeliegende Bild des Menschen und seiner Planbarkeit: Die Gesellschaft muss ihre Erwartungen neu konfigurieren.

Bevor man es groß auf die Gesellschaft denkt, muss man es vielleicht erst auf sich denken: Wenn ich Menschen sehe, die ihre zahlreichen Widersprüche nicht verstecken, sondern so öffentlich machen, dass ich mir keine in sich geschlossene Identität und Kontinuität mehr für sie zusammenreimen kann, höre ich vielleicht irgendwann auf, selbst Identität nach außen vorzuspiegeln und mich defizitär zu fühlen, weil ich weiß, dass ich nicht so bruchfrei bin, wie ich scheine. Vielleicht reicht das noch nicht mal, vielleicht muss ich mich aktiv auf die Suche nach den Brüchen begeben, die ich vor mir selbst geheim halte, vielleicht darf ich mich nicht vor Erfahrungen drücken, die Brüche produzieren könnten. Wenn man ein utopisches Ziel für das Menschenbild formulieren müsste, dann vielleicht: Nicht mehr von Brüchen oder Fehlern oder inneren Widersprüchen reden zu müssen, weil man es aufgegeben hat, künstlich alles als Einheit denken zu wollen. Dass es möglich scheint, dieses Denken durch Bewegungen im Internet zu gewinnen, ist so überraschend nicht, das scheint sein natürliches Habitat zu sein, aber das ist ein anderes und größeres Thema.

*Den Aufwand, mir mitzuteilen, dass das bewusste bit Information benötigt wird (und das Abheften des Belegs dafür, dass mir das mitgeteilt wurde), habe ich der Einfachheit halber nicht mit betrachtet, ein Aufwand übrigens, der die Hildesheimer Citypost und 55 Cent miteinschloss.

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